Blog: Zärtlichkeit

Menschen mit Behinderung: Zärtlichkeit von Sexualbegleiterinnen

Für Behinderte kann es herausfordernd sein, ihre sexuellen Bedürfnisse zu leben. Da bieten Sexualbegleiterinnen wie Deva gerne ihre Dienste an: Deva verspricht Zärtlichkeit gegen Bezahlung. Doch das führt bei manchem zu Missverständnissen und kommt nicht immer gut an.

Wenn Deva arbeitet, liegen Massageöl, Kondome, Federboa und andere anregende Spielzeuge griffbereit. Deva ist als Prostituierte registriert und sie gibt tantrische Massagen, BondageMassagen, WurzelMassagen, Matrix-EnergieMassagen, therapeutische und Wellness-Massagen, sie bietet Sauna und Hamam sowie sinnliche Rituale, Tänze, Workshops und Seminare und -selten in Deutschland- sie arbeitet mit Behinderten und deren sexuellen Bedürfnissen. In der Arbeit mit Behinderten nennt sie sich Sexualbegleiterin, denn ihre Kunden sind keine gewöhnlichen Freier. In Devas Studio kommen körperlich und geistig behinderte Menschen, beispielsweise Spastiker oder Rollstuhlfahrer.

Deva, eine ausgebildete Sexualbegleiterin, bietet keine festgeschnürten "Pakete" vielmehr Begegnungen, bei denen offen ist, was passiert: kuscheln, berühren, massieren, zeigen, ansehen und manchmal auch Sex.

Ihr Lehrer betreibt eine Ausbildungsstätte für Sexualbegleiter und ist seit einem Unfall als junger Mann querschnittsgelähmt. "Ich trauerte darum, kein Gefühl mehr in meinem Penis zu haben. Aber ich wollte nicht in dieser Trauer versinken und suchte nach neuen Formen der Sexualität", sagt der diplomierte Psychologe. An seinem Institut für Selbst-Bestimmung Behinderter haben bislang 40 Personen eine Ausbildung als Sexualbegleiter absolviert.

Wer Sexualbegleiterin werden möchte, besucht sechs Erotik-Wochenend-Workshops. So treffen sich Menschen mit Behinderung und Sexualbegleiterinnen in spe. Ein erotischer Abend, erste Kontakte untereinander, Berührungsspiele und erste Dates; es ist "learning by doing": Die Ausbildung ist gratis. Hier geht es um eine Mission, nicht um Profit, denn Bordelle sind meist keine Alternative für behinderte Menschen. Der Besuch eines Bordells scheitert für Behinderte oft an Treppenstufen oder am Türsteher. Kommt ein Behinderter doch hinein in das Bordell, so ist es für Prostituierte oft schwierig mit ihm umzugehen: Wie einen behinderten Kunden aus dem Rollstuhl heben? Was tun bei Verschlucken von Speichel in die Luftröhre oder bei einem epileptischen Anfall? Auch Deva hatte Berührungsängste, als sie zum ersten Workshop ging. Es war für sie der erste sexuelle Kontakt mit Behinderten. Für viele Behinderte ist sie der erste sexuelle Kontakt überhaupt.

Deva hat Sex-Arbeit mit Behinderten gelernt. Wo Körperbehinderte oft ihre Wünsche klar formulieren können, ist es bei geistig Behinderten schwieriger. Da muss Deva empatisch sein, die Körpersprache deuten und non-verbale Signale wahrnehmen. "Die Energie muss stimmen", sagt Deva. Bei ihrer Arbeit kommt es meist zu mehr als nur bloßes Zeigen und Anschauen. Wie weit die Reise geht und ob es auch zum Geschlechtsverkehr kommt, entscheidet Deva während der Arbeit. Das ist der Unterschied zur Prostitution, dort bestimmt der Freier, was passiert." Stimmt die Energie nicht, bricht die Sexualbegleiterin das Treffen ab.

Gegner der Sexualbegleitung kritisieren die Unsicherheit für die Kunden, da Leistung und Gegenleistung nicht definiert sind. Der Kunde weiss nicht, was er für sein Geld erhält. Unter Umständen, so meinen Gegner der Sexualbegleitung, macht eine Sexualbegleiterin ihren Kunden heiß und lässt ihn dann sitzen. Sie fordern die öffnung der Prostitution für Menschen mit Behinderung statt therapeutischer Samen-Entleerung mit Hilfe von Sexualbegleiterinnen.

"Viele der jungen behinderten Männer wollen einfach mal eine nackte Frau sehen. Dann leg ich mich manchmal auch einfach auf den Tisch und lass sie gucken", sagt Deva.